walliser grate

nachdem ich die ersten zwei juliwochen bei mir daheim im ötztal mit einem ausbildungskurs für den holländischen alpenverein, einem klettersteigevent in obergurgl, einer tagestour auf die hochwilde,einigen hochtourentagen in vent und einer grossvenedigerüberschreitung verbracht habe, gehts mitte juli mit moritz, meinem treuesten stammgast wieder raus ins wallis. 
mit moritz ....
... habe ich schon einige coole touren gemacht. mir gefällt an ihm dass er sehr flexibel ist, er interesse an speziellen sachen hat und auch, dass er ein kämpfer ist.
unser plan fürs wallis ist sehr ambitioniert:
anreise, am nächsten tag zum warmwerden und akklimatisieren die halbe breithornüberschreitung, tags darauf wechsel nach breuil und rauf aufs carrell biwak, matterhornüberschreitung. danach obergabelhornüberschreitung und am ende der woche noch über den rothorngrat aufs zinalrothorn.
soweit der plan.
natürlich ist mir klar, dass wir zur umsetzung dieses projektes ideale bedingungen und stabiles wetter brauchen.
besonders nach dem durchwachsenen frühjahr und meinem lokalaugenschein ende juni bin ich kritisch, was die felsgrate rund um zermatt angeht.
ich schaue mir im vorfeld immer wieder die webcams an, telefoniere ein wenig rum und beschliesse gemeinsam mit moritz, es in zermatt zu versuchen. wenn auch mit wahrscheinlich adaptierten programm.
moritz kommt nach obergurgl um mich abzuholen, am anreisetag nach zermatt kommen wir leider genau in den urlauberreiseverkehr. nach einem langen tag landen wir in herbriggen und hauen uns früh ins bett.
der wetterbericht sagt bis mittwoch gutes, stabiles, leider aber auch sehr warmes wetter voraus. danach soll das wetter umschlagen. moritz erzählt mir, dass er dieses jahr recht wenig zeit zum trainieren hatte und es am beginn der woche eher ein wenig ruhiger angehen möchte. so beginne ich in meinem kopf verschiedene szenarien durchzuspielen um die woche über flexibel zu bleiben, aber trotzdem das optimum rauszuholen.
weiters will ich die doch hohen liftkosten im rahmen zu lassen. wir einigen uns darauf, dass das highlight der woche das matterhorn sein soll, sofern die bedingungen und das wetter eine besteigung zulassen.
die neuschneefälle am ende der letzten woche erschweren die bedingungen auf den felsgraten ein wenig, es hat auch noch recht viel winter/frühjahrsschnee auf den bergen.
am sonntag fahren wir mit rudi vom hotel bergfreund nach zermatt, nehmen ein shuttle zur talstation in furi, und fahren rauf auf das kleine matterhorn. der plan für heute lautet halbe oder ganze breithornüberschreitung und wieder runter ins tal.
um mir alle möglichkeiten offen zu lassen, haben wir die sachen für eine ev. hüttenübernachtung dabei.
bereits an der talstation muss ich die idee einer übernachtung in der lodge am klein matterhorn begraben, wir bekommen wegen der baustelle keinen platz mehr. am weg richtung breithornpass/breithorn das übliche bild: massen von bergsteigern/wanderern/skitourengehern pilgern dem breithorn entgegen oder kommen bereits zurück. auch auf der überschreitung sind sehr viele teams unterwegs. kein wunder, die bedingungen und das wetter sind gut.
natürlich darf man sich hier oben keine romantische bergeinsamkeit erwarten, doch irgendwie ist meine motivation mich der masse anzuschliessen doch recht gedämpft. ich spiele während wir der autobahn folgen, mögliche optionen für diese woche wieder neu durch.
moritz ist flexibel, und so entscheide ich über den castor zur sellahütte zu gehen.
das ist natürlich auch eine recht beliebte tour. allerdings ist die masse um einiges vor uns gestartet und wir sind doch in einem respektabstand hinter den anderen teams unterwegs. so haben wir nicht das gefühl auf einem schaftrieb unterwegs zu sein.
so folgen wir der spur bis an den fuss des pollux, dem ersten der beiden Zwillinge. moritz fühlt sich nicht hundertprozentig fit, so verzichten wir auf den gipfel und queren gleich weiter zur sw flanke des castor.
wir folgen der guten spur und erreichen über den schönen, ausgesetzten firngrat den gipfel. es ist durch den kalten, recht starken wind ungemütlich kalt. wir sind alleine oben, machen schnell ein paar fotos und suchen uns einen windgeschützen platz ein wenig abseits des grates.
moritz braucht immer einen tag um sich umzustellen, er spürt ein wenig die höhe. die entscheidung auf den pollux zu verzichten war goldrichtig, morgen wird ein harter tag. über den ostgrat steigen wir zum felikjoch ab, und erreichen nach kurzem abstieg die sellahütte. rosi vom hotel bergfreund hat für mich reserviert nachdem ich die hütte untertags nicht erreichen konnte.
wir geniessen bei einem bier die aussicht und die warme sonne. nach einem nachmittäglichem mittagessen haut sich moritz aufs ohr, heute nacht müssen wir früh raus. auch ich will nachmittags ein wenig schlafen, was an der unglaublichen lautstärke der zahlreich anwesenden italiener scheitert. oropax wären ein hit gewesen.
frühstück gibts erst ab halb fünf, mir ist das zu spät, ich bestehe auf ein thermosfrühsrück, das ich auch hergerichtet bekomme.
wir wollen morgen aufs felikhorn, dann die überschreitung des liskamms vom west- zum ostgipfel machen, aufs lisjoch absteigen und nach einem kurzen aufstieg richtung signalkuppe weiter über den grenzgletscher zur monte rosa hütte absteigen.
ein langer tag, aber wir beide freuen uns drauf, die bedingungen dürften ideal sein.


das matterhorn zeigt sich frisch verschneit
matterhorn mit dem klein-matterhorn 
unterwegs richtung pollux/castor
gipfelgrat
gipfel
abstieg richtung felikjoch
rückblick zum gipfel
sellahütte mit castor und liskamm im hintergrund
abendstimmung
mitten in der nacht um kurz vor halb drei beginnt tag zwei unseres wallisabenteuers.
wir würgen das italienische frühstück runter, packen die sachen und starten kurz vor drei uhr morgens in richtung felikhorn/joch.
da es das normale frühstück erst ab halb fünf gibt, haben wir die vollmondnacht und den ersten anstieg für uns alleine.
bis knapp unters felikhorn verzichte ich auf die steigeisen, so können wir eindeutig kraftsparender aufsteigen. bereits im dunkeln zeichnet sich ein atemberaubender tagesanbruch an.
nachdem wir über dem hügel des felikhorns gekommen sind, kommen wir aus dem staunen und fotografieren kaum mehr heraus. unglaubliche farben verändern den himmel und die landschaft nun minütlich.
alleine für diese momente hat sich das frühe aufstehen schon gelohnt.
jetzt beginnt für uns neuland, den bisherigen heutigen aufstieg haben wir bereits gestern im abstieg vom castor gemacht.
wir folgen der guten spur über den bergschrund und über einen kurzen, exponierten firngrat bis zum gipfelaufbau des westgipfels. über die recht steile firnflanke und einen schönen schneegrat erreichen wir bei idealen schnee- und wetterbedingungen den westgipfel des liskamms. ein blick zurück und auch auf unseren weiterweg bestätigt das frühere aufstehen als alle anderen. kein mensch weit und breit.
ich habe heute bewusst ein langsames gehtempo gewählt, um moritz noch mehr zeit zum gewöhnen zu geben, mir ist wichtig, dass er am ausgesetzten verbindungsgrat noch reserven hat.
es hat sich gelohnt, moritz ist noch fit. und da wir eigentlich keine atem/rastpausen machen mussten, sind wir voll im zeitplan. immerhin sind wir schon auf knapp 4500m und haben 900hm schon hinter uns.
der übergang zum ostgipfel, aufgrund seiner exponiertheit und oft grossen wächten auch menschenfresser genannt, könnte keine besseren bedingungen aufweisen: null wind, eine top angelegte spur und fast kein felskontakt machen die gratüberschreitung zu einem highlight in meinem bergsteigerleben. auch moritz ist sichtlich beeindruckt.
nach gut einer weiteren stunde erreichen wir den mit 4527m etwas höheren ostgipfel.
wir setzen uns hin, freuen uns und geniessen die aussicht und die ruhe.
für mich ist ein privileg, solche momente erleben und teilen zu können.
von besonders schönen touren oder für mich besonderen bergen nehme ich mir seit jahren einen gipfelstein mit, den ich zu hause dann beschrifte. der stein vom liskamm wird mich immer wieder an diesen    eindrücklichen balanceakt erinnern.
der folgende abstieg zum lisjoch ist auch nochmal ein höhepunkt für sich: auf eine steile firnflanke folgt ein ausgesetzter, überwächteter abstieg über mehrere gratkuppen. am lisjoch angekommen beobachten wir die ersten, uns folgenden seilschaften am ostgipfel.
wir rasten, trinken und mühen uns die gut 70hm rauf richtung signalkuppe. von dort können wir eine abkürzung auf den grenzgletscher und die spur zur monte rosa hütte nehmen. die 70hm ziehen sich. auch kommen wir nun in den bereich der klassischen spaghettirunde, unglaublich was auf den leichten viertausendern und drumherum los ist.
wir verlassen die ausgetretene autobahn in richtung monte rosa hütte und grenzgletscher. der grenzgletscher ist im unteren bereich sehr spaltig, ich bin schon gespannt wie dieses jahr die situation nach dem schneearmen winter ist. im bereich des labyrinths kommen wir ganz gut durch, der anschliessende flache gletscherteil verursacht immer wieder ein kurzes schaudern bei mir. unglaublich welche riesigen kathedralen sich unter unseren füssen auftun.
gott sei dank sind wir noch früh dran, nachmittags möchte ich zu zweit hier nicht mehr runtergehn.
ich bin ziemlich froh als wir den gletscherrand erreichen, endlich raus aus den steigeisen. die sonne hat erbarmungslos auf uns heruntergebrannt.
wir steigen die letzte halbe stunde über gletscherschliffe, schneereste und blockwerk zur monte rosa hütte ab, hauen uns auf die terrasse und blicken ein wenig stolz zum gewaltigen massiv des liskamms hoch.
es ist erst mittag, wir haben uns heute einen entspannten nachmittag verdient.

am nächsten morgen gibt es für uns um 5uhr frühstück.der abstieg von der monte rosa hütte zur station rotenboden ist mühsam. wir verlieren gute 300hm, müssen uns unseren weg mühsam durch die mit schutt bedeckten randbereiche des grenz-undgornergletscherssuchen, um dann die verlorenen höhenmeter bis zur station rotenboden wieder wettzumachen.
ich habe diesen weg von unserem abstieg im juni von der dufourspitze in schlechter erinnerung, dementsprechend motiviert starte ich um 06.00 morgens den abstieg, ein heli zur hörnlihütte wär ein hit, ich hab nachgefragt, es war uns zu teuer.
frisch ausgeruht ist der weg aber halb so schlimm und so sitzen wir kurz vor 9.00 im zug runter nach zermatt. rudi vom bergfreund holt uns am umschlagplatz  ab, wir fahren mit ihm raus nach herbriggen, wechseln einen teil der ausrüstung und fahren wieder retour nach zermatt.
anstatt in der mittagshitze durch zermatt zu hatschen, hauen wir uns in ein elektrotaxi und lassen uns bequem nach zur liftstation fahren.
am schwarzsee, dem ende unserer liftstrecke setzen wir uns zum mittagessen nieder. bereits hier ist die sonne erbarmungslos, die 800 hm zur hörnli werden wahrscheinlich mühsam.
ich merke, dass moritz aufgrund der doch beeindruckenden gestalt des matterhorns ein wenig nervös ist. ich versuche ihn zu beruhigen, er schafft die technischen anforderungen locker, sonst würd ich die tour mit ihm niemals machen. ich will mich ja auch nicht den ganzen tag fürchten.
ganz gemütlich steigen wir bei einer affenhitze die guten 2h zur hütte auf, werden immer wieder von verschiedenen schnelleren matterhornaspiranten ein- und überholt.
ich erkläre moritz dass er auch morgen damit umgehen muss, dass er leute hinter sich hat, die wahrscheinlich ein wenig druck machen werden. am matterhorn ist es wichtig, sich nicht von anderen stressen zu lassen. wie bereits gesagt, wir werden bereits am zustieg zur hütte immer wieder überholt, kommen aber aufgrund der pausen der anderen teams doch vor den anderen auf der hörnlihütte an. 
bei der anmeldung bewahrheitet sich meine befürchtung, die hütte ist pumpvoll. alle wollen das kurze schönwetterfenster und die mittlerweile guten bedingungen nutzen. insgesamt sind mehr als 40 bergführer und ca. 30 führerlose vor ort.
da ich die erste stunde die wir morgen im dunkeln laufen werden noch recht gut im kopf habe, spare ich mir eine erkundung des weges.
einzig den versteckten alternativeinstieg am ersten fixseil schaue ich mir kurz an.
letztes jahr habe ich an dieser stelle ca. 30 seilschaften die im stau warteten überholt.
auch für morgen will ich mir diese option je nach andrang offen lassen.
die variante abstieg über den liongrat habe ich nach einer besprechung mit nössig david, der heute übern lion raufgekommen ist wieder gestrichen.
also mit leichtmöglichsten gepäck rauf und wieder runter über den hörnligrat.
moritz geht früh ins bett, startzeit morgen früh ist 3.50 uhr.

als wir uns zum frühstück niedersetzen, ist der vorraum wie erwartet bereits mit bergführern gefüllt, die mit dem seil in der hand den platz für ihre kunden freihalten, jeder möchte als erster aus der hütte raus.
und so können wir vom frühstückstisch aus beobachten wie der wettlauf zum gratbeginn, und dem ersten fixseil beginnt.
aber auch wir trödeln nicht unnötig rum, sondern machen uns auch zum abmarsch bereit.
ich will auch flott rauf, einzig den berglauf zum eigentlichen kletterstart spare ich mir.
so gehen wir gemütlich eher im hinteren drittel der seilschaften los, am ersten fixseil überholen wir einige wartende seilschaften durch eine versteckte verschneidung. moritz hat heute ein wenig schwierigkeiten, er wird nicht so richtig warm. das matterhorn bietet leider einen ziemlichen kaltstart, ich hoffe er kommt noch auf touren. ich versuche den anschluss an zwei teams vor uns zu halten um moritz zumindest kleine ruhepausen zu ermöglichen. leider verlieren wir immer wieder etwas den anschluss. ich merke, dass moritz heute nicht in bester verfassung ist. aber es nützt nichts und so muss ich moritz immer wieder durch einen kurzen zupfer am seil an zu langen verschnaufpausen hindern.
eine kurze rast während einer wartepause an einer vereisten querung und bei der solvayhütte sind die einzigen längeren ruhephasen die ich ihm gönne.
kurz unterhalb der schulter lasse ich noch zwei bergführer vorbei, was sich später als nicht notwendig erweisen sollte.
bis zur schulter können wir uns trotz einiger kurzer schnee- bzw. eisigen stellen noch ohne hochschwindeln, dann wechseln wir auf die steigeisen.
oberhalb der schulter beginnen die fixseile, die durch den steilsten teil des aufstiegs auf das dach führen.
ich habe einen spezialkarabiner dabei, dieser hat eine extragrosse schnapperöffnung welche es mir ermöglicht, diesen ansonsten sicherungstechnisch recht aufwendigen teil, gleichzeitig mit moritz zu bewältigen. und so holen wir die beiden geführten partien wieder ein, und müssen immer wieder warten bis die gäste nachgesichert sind.
die letzen höhenmeter übers dach werden für moritz zur willenssache, ich gönne ihm auch fast keine pause mehr. er muss ziemlich kämpfen.
am schweizer gipfel hat er genug, ich ermutige ihn aber noch, zum einen meter niedrigeren italienergipfel, auf dem das kleine kreuz steht, rüberzugehen.
ich weiss, dass er es später bereuen würde, es nicht gemacht zu haben.
am italienergipfel sind wir alleine, bei traumhaften t-shirt wetter mache ich ein paar fotos.
zurück am schweizergipfel setzen wir uns nieder und geniessen den moment.
auch hier haben wir das glück, dass wir einige minuten ganz alleine sind.
am gipfel steht uns der anstrengenste und gefährlichste teil der tour aber noch bevor und so dränge ich zum abstieg.
moritz ist müde und so seile ich ihn den grössten teil bis zur schulter immer wieder ab. das geht schneller und ist einfacher für ihn. wir haben glück mit dem andrang an den schlüsselstellen, so entspannt wie dieses mal habe ich die fixseile noch nie erlebt.
am unteren ende des grossen schneefeldes an der schulter beschliesse ich, die steigeisen noch länger anzulassen. alle anderen bergführer ziehen hier die steigeisen aus.
mir ist es allerdings lieber mit, da doch immer wieder durch schnee abgestiegen werden muss.
eine richtige entscheidung, besonders als ich dann sehe, wie schwer sich die anderen leute im angetauten schnee/eis tun.
einen einzigen anderen bergführer sehe ich, der auch noch die eisen an hat. wir nicken uns anerkennend lächelnd zu.
erst bei den sogenannten eselstritten ziehen wir die steigeisen aus und wir machen die erste pause seit beginn des abstiegs.
auch ich bin bin jetzt ein wenig müde,  weniger von den körperlichen mühen, mehr im kopf. es ist heiss und das dauernde konzentrieren und aufpassen, geht auch auf die substanz.
aber der weg runter zieht sich noch, entspannen kann ich mich erst die letzen minuten vor der hörnlihütte.
wir beide sind heilfroh als wir über die letzten fixseile ebenen boden und den wanderweg ereichen.
moritz kann sich vor erschöpfung gar nicht so richtig freuen, und auch ich bin glücklich, dass wir es geschafft haben und vor allem, dass nichts passiert ist.
bei einem bier auf der terrasse der hörnlihütte haben wir dann die zeit ein wenig vergessen, und müssen die 800hm zum schwarzsee in einer knappen stunde runterlaufen.
müde sitzen wir in der gondel, leisten uns ein taxi raus nach herbriggen, und treffen uns dann zum abendessen wieder.
ich merke dass moritz erst jetzt zu realisieren beginnt dass er auf dem matterhorn war, und was ihm das bedeutet.
da der wetterbericht für die nächsten tage sehr schlecht ist, beschliessen wir, zwei tage früher heim ins ötztal zu fahren, und bei uns noch einen klettertag einzulegen.
die anderen berge rund um zermatt laufen uns nicht weg, wir haben noch viel vor.