9x 4000 ;-)

im anschluss an die saas fee woche fahre ich raus nach stalden, um gleich wieder ins mattertal einzubiegen. ich treffe mich heute samstag mit clemens, wir wollen bis mittwoch ein paar tage rund um zermatt zusammen verbringen. ....

.... mit clemens war ich im juni an der dufourspitze. damals wär eigentlich das matterhorn geplant gewesen, die bedingungen waren aber leider nicht gut genug. ich habe clemens nach unserer dufour geschichte angeboten, dass ich ab 10. september ein paar tage für ihn blockieren könnte, ev. könnten wir das matterhorn ja dann nachholen.

und so treffen wir uns am samstag nachmittag am camping in täsch, clemens kommt mit dem zug aus münchen. er hat bis dienstag, also drei volle tage, zeit.
ich will am sonntag früh auf das kleine matterhorn rauf und von da die ganze breithorntraverse machen. ich weiss, für einen akklimatisationstag ein recht hartes programm, aber clemens ist fit und unser zeitfenster ist begrenzt.
am sonntagmorgen folgen wir der fetten spur via breithornpass richtung castor/pollux, zweigen auf halber strecke links haltend ab und steigen über einen recht steilen, teils vereisten hang über eine gute spur zur roccia nera, unserem ersten gipfel für heute auf. oben angekommen machen wir eine erste pause, clemens der direkt aus münchen angereist ist, spürt die höhe doch ein wenig. 
der weiterweg über fast den kompletten grat ist nun gut ersichtlich. es gibt eine gute spur, die grossen, stark überwächteten bereiche werden geschickt vermieden. nach kurzer zeit erreichen wir über firn und leichte felsen den ostgipfel des breithorns, von dem zweimal abgeseilt wird. die erste abseilstelle umgehen wir abkletternd, eine ca. 20m lange senkrechte abseilstelle bringt uns wieder auf einen firngrat. nach dem schnee folgen wiederum ein paar felsige meter auf den dritten gipfel des heutigen tages, den Gendarmen. auch von hier wird zweimal abgeseilt. ein weiterer ca. zehnminütiger firngrat bringt uns an den fuss des felsigen aufschwungs der zum breithorn mittelgipfel leitet. hier ist auch der einstieg der halben breithornüberschreitung, die von den zermatter führern als testtour fürs matterhorn gemacht wird. 

beim steigeisen ausziehen und unserer rast bemerkt clemens, dass er sein neues handy verloren hat. wir machen testanrufe, es klingelt, aber leider nicht in unserer nähe. clemens ist geknickt, es war ein geschenk seiner frau. er glaubt, am gipfel des gendarmen noch ein foto gemacht zu haben, wahrscheinlich ist das telefon beim abseilen rausgefallen. trotz der geringen chance es wiederzufinden, laufe ich die strecke zurück und klettere die abseilpiste rauf. oben am gendarm suche ich den gipfelbereich ab, rufe an, nichts. auch auf dem weg zurück zu clemens kann ich leider nichts entdecken. 
ich beeile mich, die wolken türmen sich bereits bedrohlich hoch auf. zurück bei clemens bin ich ziemlich am schwitzen und ausser puste, er scheint durch das missgeschick die motivation am klettern ein wenig verloren zu haben. 
abbrechen oder weiter?
ich entscheide: weiter!
die nun folgende kletterei ist sehr schön und steil, auch der fels ist gut, absolut lohnend. 
am ende des felsteils, an einer unumgänglichen stelle, hinterlassen wir einen zettel mit meinen kontaktdaten, vielleicht stolpert ja jemand über das telefon.
nach dem anziehen der steigeisen sind die schwierigkeiten vorbei, über firngrate und schneehänge erreichen wir die beiden letzten gipfel unserer überschreitung. 
clemens hat seine sache nach leichten startschwierigkeiten ausgezeichnet gemacht, ich war überrascht wie sicher und schnell er klettert. 
schaut gut aus fürs matterhorn 😀
der abstieg vom breithorn führt uns zurück zum breithornpass und weiter über die skipisten runter zum rifugio guide del cervino auf der testa grigia, unserer unterkunft für heute nacht.
für die gesamte runde haben wir trotz handysuche knapp 7h gebraucht, nicht schlecht für den ersten tag und 5 über viertausend meter hohe gipfel.
von hier wollen wir morgen auf das carell biwak am südwestfrat des matterhorns. normalerweise (bis vor 3 tagen) hätten wir gemütlich ausschlafen und mit dem lift runter zur mittelstation plan maison fahren können, um dann zum rifugio orionde zu wandern und weiter zum biwak aufzusteigen.
aber leider läuft der lift nicht mehr, auch die orionde hütte hatte gestern den letzten tag. 
also zuerst gute 800hm runter, um dann fast 1300 hm wieder aufzusteigen. die frühstückszeit auf der testa grigia lege ich auf fünf uhr fest, ich will bei den ersten teams am biwak sein. 
eine mögliche abkürzung für unsere morgige strecke habe ich von der hüttenterrasse  bereits einsehen können, diese würde uns 200hm abstieg ersparen. die frage, ob die abkürzung weglos ist oder es vielleicht einen steig gibt, wird sich leider erst morgen auflösen. nur bei einem pfad würde es sich lohnen, nicht ganz abzusteigen. sonst ist's wahrscheinlich nur eine  kraftraubende rumstolperei.
wir kaufen wasser, die schneereste am biwak dürften weggeschmolzen, oder wenn doch noch vorhanden, 'zerschissen' sein. 
beim rifugio orionde werden wir auch unsere leeren flaschen auffüllen, wir dürfen die nächsten zwei tage nicht ,trockenlaufen'!
am montag starten wir kurz nach fünf morgens, folgen im stockdunkeln erst der skipiste in richtung trockener steg. da es nebelig ist, ist unsere sicht stark eingeschränkt. ich habe mir eine markierte abzweigung oder zumindest eine pistenbullyspur richtung theodulpass erwartet, was sich  leider nicht bewahrheitet. ich muss selber den weg suchen, also auf verdacht mal links rüber😳. im dunkeln und wegen dem nebel traue ich mich aber nicht, die piste seilfrei zu verlassen, überall scheint es spalten zu haben. also seil raus und kurze zeit später müssen auch noch die steigeisen drauf, es geht nicht ohne. ich brauche auch bereits das gps, ohne wär ich wahrscheinlich chancenlos gewesen den pass zu finden. mit ein wenig murkserei finden wir den übergang, eine gute viertelstunde haben wir durch fehlende tourenplanung meinerseits schon verschissen. normalerweise schau ich mir zumindest die ersten meter des nächsten tages immer an, ich mag den 'wegsuchstress' in den morgenstunden einfach nicht.
vom pass führt unser weg über die skipiste richtung plan maison, die mögliche abkürzung stellt sich meiner meinung nach als nicht lohnend heraus.

das ist eines der spannenden dinge beim bergsteigen: immer wieder müssen pläne über den haufen geworfen werden, nur um sofort wieder neue zu machen. der blick auf das gelände ändert sich ständig, man muss mit offenen augen die gegend sehen und flexibel bleiben, um einen sicheren, harmonischen und sinnvollen weg zu finden.
bergsteigen ist kreativ.
und so quere ich erst wenige hundert meter vor der liftstation über grasböden richtung rifugio orionde, dadurch erreichen wir den hüttenzustieg zumindest ein wenig direkter. 
neben der hütte füllen wir unsere wasservorräte auf, ich hab nun insgesamt acht liter wasser zu schleppen. so einen vollen und schweren rucksack bin ich normalerweise gar nicht gewohnt, ich bin durchaus ein gewichtsoptimierer.
ein älterer bergführer hat auf ausbildungskursen immer davon gesprochen, dass wir bergsteiger und keine träger sind.
ich halte mich ein wenig nach ihm, der rucksack muss leicht sein, nur das nötigste kommt mit.
steil führt uns nun ein pfad richtung col de leone nach oben, wir kommen auch am berühmten croce carell vorbei. von dort helfen immer wieder wegspuren zur orientierung, abwechselnd leicht kletternd und wandernd erreichen wir den colle del leone auf 3580m.
wir machen eine kurze pause, das seil kommt raus, jetzt ist vorbei mit wandern. 
einige fixseile erleichtern von nun an immer wieder den zustieg zur biwakhütte, die wir noch vor mittag erreichen.
wir sind die ersten am biwak, also (fast) freie platzwahl. einige plätze sind noch von gestrigen seilschaften reserviert, die wieder über den liongrat absteigen und ev. eine weitere nacht auf der selbstversorgerhütte planen.
wir finden einen guten platz, clemens haut sich hin und versucht ein wenig zu schlafen. 
die auf der schlafraumtüre angegebene aufstehzeit von 04.30 ist mir zu spät, ich plane ein wenig früher zu starten. und so mache ich mich nach einer kurzen pause auf, den morgigen weg ein wenig zu erkunden.
die wegfindung im ersten teil ist durch einige fixseile recht einfach, dazwischen gibt es aber genug platz für verhauer. auch ist es im dunkeln nicht immer ganz einfach den idealweg ohne langes suchen zu finden, ich möchte morgen schnell sein.
ich schaue mir ca. eine stunde der morgigen strecke an, gehe bis zum sog. tyndallseil, also bis zum eigentlichen grat. danach dürfte die wegfindung nicht mehr allzu schwer sein.
zurück auf der hütte füllt sich die bude langsam, immer mehr leute, hauptsächlich italiener, trudeln ein.
auch das italienische militär ist mit einigen teams vertreten.
ich bespreche mich mit clemens, ich will um kurz vor vier, also ca. eine stunde vor der masse aus der hütte. das sollte uns ein wenig luft verschaffen, um an den schwierigen stellen nicht im stau zu stehen und zügig durchzukommen.
nachmittags gegen vier kommt der angekündigte niederschlag der die felsen mit einer unangenehmen schnee/graupelschicht überzieht. die bedingungen sind nicht mehr ideal, denn leider fällt immer mehr regen/schnee/graupel. 
wenn es in der nacht aufklart, brauchen wir wahrscheinlich von der hütte weg schon die steigeisen.
aber nützt eh nix, ich werde morgen früh entscheiden was zu tun ist.
die einheimischen bergführer sind ein wenig relaxter als die zermatter, entschuldigen sich bereits im vorfeld dafür, dass sie bei stau vorbeigelassen werden müssen.
die rund 50 schlafplätze sind nun voll belegt, gut dass wir früh da waren.
ich habe auch einen eigenen kleinen kocher dabei, dadurch sind wir beim essen zubereiten unabhängig von den anderen.
nach einem 'wunderbaren' abendmahl, das aus spaghetti bolognese für clemens und beef stroganoff für mich besteht, hauen wir uns früh nieder. 
das einschlafen geht recht zäh vonstatten, die italiener sind wie immer wenn in gruppen laut und rücksichtslos. andauernd wird um-, aus- und wieder neugepackt, das ganze procedere scheint auch mit den anderen lautstark besprochen werden zu müssen.
irgendwann haut es mir dann doch die augen zu und als der wecker klingelt, kommt es mir vor als wäre ich gerade erst eingeschlafen.
wir schleichen aus dem schlafraum, keine zehn minuten später stehen wir ohne frühstück, aber voll adjustiert vor der hütte.
es ist kalt und der wind ist frisch, aber wenigstens hat es keinen neuschneezuwachs gegeben.
wir starten erstmal ohne steigeisen, nach den ersten fixseilen könnten wir immer das fusswekzeug wechseln.
gleich nach der hütte gehts entlang von fixseilen und ketten über einen ersten kleinen überhang. 
ein kaltstart.
wir gehen und klettern vorsichtig, die seile sind gefroren und der fels ist stellenweise mit wassereis überzogen.
trotz der widrigen umstände kommen wir gut in die gänge und verzichten weiterhin auf die eisen.

da ich mir diesen teil der strecke ja gestern bereits angeschaut habe, kommen wir ohne probleme bis zum tyndallseil, einer senkrechten kette, das uns nach der umgehung des ersten türmereichen gratstücks wieder zurück auf die kante führt.
oben am beginn des grates können wir die stirnlampen von kletterern erkennen, clemens hat die beiden bereits um zwei uhr starten gehört.
nach der kette machen wir eine erste kurze verschnaufpause, clemens fühlt sich wohl und auch noch topfit. durch das doch schwierigere gelände als am hörnligrat muss viel mehr gestaffelt gegangen werden, was sowohl dem nach- als auch dem vorsteiger einige verschnaufpausen verschafft.
ab jetzt ist das gelände auch für mich neuland, bis hierher bin ich gestern nachmittag auf meiner erkundungstour gewesen.
die beiden italiener sind schnell ein- und überholt, so wie es ausschaut ist ab jetzt niemand mehr vor uns. 
coole sache, ich mag es vorne weg zu klettern.
das gelände weiter bis zum pic tyndall ist nicht sehr schwierig, durch die dunkelheit und die dünne schneeauflage sind für mich halt auch keinerlei begehungsspuren zu erkennen. so klettere ich rein nach gefühl den für mich logischten weg nach oben, stosse dabei immer wieder mal auf haken, vermisse diese manchmal aber auch an für mich idealen standplätzen. vielleicht habe ich sie aber auch nur übersehen ;-). der gesamte fels ist wie beim zmuttgrat eher nach unten geschichtet, blöcke zum nachsichern sind eher rar gesät. vielleicht habe ich sie aber auch nur übersehen ;-).


noch im dunkeln erreichen wir knapp 2h nach aufbruch den pic tyndall.
wir folgen dem horizontalen gratstück teilweise sehr ausgesetzt bis zur enjambee, einer tiefen, schmalen scharte die uns vom gipfelaufbau trennt. wir klettern immer noch im dunkeln, in den dünnen arbeitshandschuhen ist es empfindlich kalt, immer wieder muss auch der fels vom schnee befreit werden. 
da es immer noch nicht hell ist und mir der überblick ein wenig fehlt, muss ich nun auch einmal das topo zur hand nehmen um auf dem richtigen weg zu bleiben.
als es endlich heller wird, wird die ganze sache ein wenig übersichtlicher: die echelle jordan, eine 10m lange, senktechte strickleiter gibt mir nun die grobe richtung vor.
hier oben ist alles angefroren, jedes fixseil und jede standplatzkette muss erst vom fels losgerissen werden. 
trotz meiner nun vollends gefrorenen finger fühle ich mich wohl und habe spass an dieser art des bergsteigens.
das ist bergsteigen wie ich es mag.
auch clemens scheint die sache zu geniessen, er steigt flott nach und bewegt sich gut.
nach dem letzten fixseil, knapp unter dem italienergipfel, scheint mir das erste mal die sonne zaghaft ins gesicht. was für eine wohltat, auch wenn die strahlen noch nicht wirklich wärmen. zumindest im kopf geben sie viel wärme ab.
bringt auch was.
kurz vor acht, keine vier stunden nach aufbruch, stehen wir am italienischen gipfel des matterhorns.
wir sind heute die ersten beiden menschen hier oben, ein schönes gefühl.
clemens ist glücklich und auch ich bin zufrieden. wir setzen uns hin, rasten, geniessen, ich fotografiere.
ca. 10 min nach uns taucht der erste bergführer von der schweizer seite her auf.
wir beschliessen zum höheren schweizer gipfel rüber zu wechseln und wollen dort eine längere pause zu machen. 
von dort können wir die hörnligratseilschaften auf deren letzten metern beobachten. die zweite seilschaft die an diesem tag raufkommt ist mein lieblingskollege vom august. ihm fallen fast die augen raus, als er mich am gipfel sitzen sieht. ich lächle ihn breit an, shit happens ;-).
nach ca. 45min auf dem gipfel machen wir uns an den abstieg über den hörnligrat. trotz ausaperung ist das dach aufgrund guter stufen noch gut zu gehen.
clemens fühlt sich beim frontalen absteigen im mixedgelände noch ein wenig unsicher, ich muss ihn immer wieder an die richtige technik erinnern. wo möglich, seile ich ihn ab. 
kurz vor erreichen der ersten fixseile gibt's dann noch eine schrecksekunde für mich: beim runterlaufen bleibe ich bei einem hohen schritt mit einem steigeisen in einem expressset hängen und stolpere. chancenlos das eisen zu lösen, falle ich vornüber, kann mich gottseidank aber gleich wieder fangen. kopfvoraus schaue ich in die nordwand runter.
schwein gehabt 😧
an den fixseilen haben wir glück, die masse der aufsteiger ist erst am beginn dieser.
in einer stunde gehts runter zum solvaybiwak. kurz oberhalb, am 'solvayspitz', machen wir eine ausgiebige pause. dieser platz hat sich zu meinem lieblingsplatz am hörnligrat gemausert: man kann entspannt sitzen und hat (fast) alles ober- und auch unterhalb im blickfeld.
der weitere abstieg geht reibungslos, wenn auch zäh wie immer vonstatten. der hörnligrat im abstieg zieht sich einfach ganz brutal in die länge. nie schwierig, aber meistens absturzgelände. eine konzentrationssache, der abstieg ist schon alleine deswegen ermüdend und anstrengend.
wie die meisten matterhornaspiranten  ist clemens beim runterweg müde, er hat schwierigkeiten den leichtesten weg zu erkennen und diesem zu folgen. er kämpft sich aber wirklich tapfer runter.
nach dem letzten fixseil, als wir endlich ebenen boden erreichen, sind wir beide heilfroh:
clemens, weil er das matterhorn bestiegen und sogar überschritten hat,  und den mühsamen und  langen abstieg endlich hinter sich hat.
ich, weil dort unten erstmals die last der verantwortung abfällt und der kopf die dringend benötigte pause bekommt. natürlich freue mich auch über die gelungene tour sehr.
der heutige tag war ganz nach meinem geschmack:
zumindest bis zum gipfel alleine am berg, der aufstieg hatte durch die dunkelheit und den schnee etwas wildes, urtümliches. ein bisschen ein gefühl wie bei einer erstbegehung😀.
ganz anders,  als die kolonnen und die fast schon militärische hirarchie am hörnligrat.

man muss am matterhorn nicht unbedingt durch die nordwand klettern, um den hauch eines abenteuers zu erleben. es reicht auch, ein wenig azyklisch unterwegs zu sein.

mir hat's gefallen.

lg
paul